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„Wofür haben wir in Afghanistan gekämpft?“

28.08.2021 • 11:13 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Alle, die jetzt aus Afghanistan flüchten konnten sind „westlich orientiert“, die müssten eigentlich „im Land gehalten und beschützt werden“, sagt Terrorexperte Peter Neumann
Alle, die jetzt aus Afghanistan flüchten konnten sind „westlich orientiert“, die müssten eigentlich „im Land gehalten und beschützt werden“, sagt Terrorexperte Peter Neumann AP

Der Terrorexperte Peter Neumann spricht im Interview über die Lage in Afghanistan.

Der Anschlag in Kabul legt nahe, dass nicht die Taliban die größte Sicherheitssorge in Afghanistan sind, sondern der IS. Wer ist die Splittergruppe ISIS-K, die jetzt für den Terror in Kabul verantwortlich ist?
PETER NEUMANN: Das ist die lokale Filiale des IS in Afghanistan. Die gab es immer schon, seit 2015 vorwiegend im Nordosten des Landes, aber richtig groß wurden sie nie, weil der Westen präsent war und gegen ISIS-K gekämpft hat. Nun ist der Westen allerdings weg und dieses Vakuum nützen die Terroristen aus. ISIS-K wollen momentan vor allem Chaos in Afghanistan stiften, nach dem Truppenabzug findet die Terrororganisation einen idealen Nährboden. Auch die Taliban sollen geschwächt werden.

Ist die Situation nun auch für Europa gefährlicher geworden?
NEUMANN: Vor 9/11 wähnte sich die westliche Gesellschaft auf einer Insel der Glückseligen. Der Kalte Krieg war vorbei, man dachte, es könne nur aufwärts gehen. 9/11 hat uns aber bewusst gemacht, dass es nicht nur Konflikte zwischen Staaten gibt, sondern auch innerhalb von Gesellschaften, die immer stärker auseinanderdriften. Insofern ist das Leben in Westeuropa gefährlicher geworden. Daran sind aber nicht nur Extremisten schuld, sie sind nur ein Teil einer zunehmend konfliktbeladenen Gesellschaft.

Der Kampf gegen den Terror wurde nach den Anschlägen am elften September 2001 in Amerika zur causa prima der US-Politik. Heuer jährt sich 9/11 zum 20. Mal und die Lage in Afghanistan ist schlimmer denn je. Wie sinnvoll war der Einsatz dort damals?
NEUMANN: Die Zerstörung der Terrorcamps von Bin Laden in Afghanistan, wo er die Anschläge vorbereitet hat, war für mich logisch, konsequent und auch richtig. Dass man aber 20 Jahre geblieben ist und versucht hat, eine Demokratie aufzubauen – darüber kann man debattieren.

Was lief schief?
NEUMANN: Es ist eine traurige Ironie, was 20 Jahre nach 9/11 wieder passiert. Es ist eindeutig, dass die Mission, die dort auch von der internationalen Gemeinschaft verfolgt wurde, komplett gescheitert ist. Und auch wenn die Taliban heute pragmatischer und smarter sind und dem Westen nicht sofort Munition liefern wollen, um wieder einzumarschieren: Sie sind die Taliban. Dass sie wieder am Ruder sind, ist nach dem US-Abzug nicht überraschend.

Wie beurteilen Sie heute die US-Intervention im Irak?
NEUMANN: Der Einmarsch im Irak war natürlich der größte strategische Fehler, den die Amerikaner begehen konnten, und der noch mehr Terror produziert hat. Das war ein Krieg, der nicht notwendig war, und der auch nur am Rande mit 9/11 zu tun hatte. Der Irakkrieg war ein totales Desaster für Amerika, eine Überreaktion der USA, an der wir alle heute noch leiden.

War es Joe Bidens Kapitalfehler, die US-Truppen aus Afghanistan komplett abzuziehen?
NEUMANN: Man sieht ja, dass es falsch war. Der krasse Rückzug der Amerikaner rächt sich massiv. Die Taliban sind wieder an der Macht, und viele Amerikaner fragen sich zurecht: Wofür haben wir denn dann in Afghanistan überhaupt 20 Jahre lang gekämpft?

Die US-Truppenpräsenz war zuletzt aber überschaubar.
NEUMANN: Aber sie hat letztlich ausgereicht, um die Taliban abzuwehren. Die Abwesenheit dieser Einheit, und wenn sie auch klein war, führt jetzt zu dieser großen Niederlage. Die Bilder, die wir aus Afghanistan bekommen, werden in den nächsten ein, zwei Jahren ganz sicher dazu führen, dass sich immer mehr Menschen fragen: Warum sind wir ganz raus aus dem Land?

In den letzten Jahren stand der IS im Fokus der Terrorbekämpfung, Al Kaida und die Taliban gerieten in den Hintergrund. War das der Kardinalfehler, der dazu geführt hat, dass die Taliban in Afghanistan wieder am Ruder sind?
NEUMANN: 2014, als der IS Mossul im Irak einnahm und sein globales Kalifat deklarierte, da war der IS dabei, den gesamten Nahen Osten zu überrollen, da stand der IS kurz davor, Bagdad einzunehmen. Es waren Nachbarstaaten wie Jordanien oder sogar Saudi Arabien bedroht. Das war eine Riesengefahr nicht nur für die Stabilität des Nahen Osten, sondern für die ganze Welt. So gesehen war die Fokussierung wichtig. Andererseits rutschte Afghanistan dadurch weg.

Gibt es bei den terroristischen Gruppierungen, ob Al Kaida oder IS noch etwas, das Sie überrascht?
NEUMANN: Dass vieles so schwer vorauszusagen ist. Den IS in Syrien und im Irak, deren Macht dort, das hat keiner so vorausgesehen. Zehn Jahre nach 9/11 hieß es noch: Der Dschihadismus und Al Kaida sind vorbei, Bin Laden ist tot, da kommt nichts mehr. Kurz darauf hatten wir mit dem IS die größte dschihadistische Organisation, die je existiert hat. All jene, die sich in der letzten Dekade radikalisiert haben, auch in Österreich, haben sich vom dschihadistischen Gedankengut aber nicht abgewandt. Es ist nicht vorbei. Wir leben in einer sehr volatilen Welt, in der auch die Radikalisierung schnell wieder zurückkommen kann.

Was finden die Menschen jetzt in Afghanistan vor?
NEUMANN:
In erster Linie, dass ihr Land nach so vielen Jahren wieder in der Hand der Taliban ist. Und die Menschen, die jetzt aus Afghanistan flüchten konnten sind jene, die vor den Taliban geflüchtet sind. Der Gedanke, dass jetzt mit Flüchtlingen Taliban zu uns kommen könnten, ist völlig absurd, denn die sind damit beschäftigt, ihre Macht weiter auszubauen. Und die, die fliehen, sind jene, die in den letzten 20 Jahren von der westlichen Intervention profitiert haben und auch westlich orientiert sind. All diese Menschen müssten daher eigentlich mit aller Kraft in Afghanistan gehalten und beschützt werden. Denn die sind alle in Gefahr. Daher fand ich es auch problematisch, dass bis zuletzt nach Afghanistan abschoben wurde. Ich fürchte, dass es innerhalb eines Jahres zu einem Bürgerkrieg in Afghanistan kommen wird.

Wie wirkt sich 9/11 bis heute aus?
NEUMANN:
Mit 9/11 ist die ganze Diskussion über den Islam erst nach vorne gekommen und noch viel verzerrter geworden. Osama bin Laden hatte Erfolg damit, die Gesellschaft zu spalten. Seine Absicht war es, eine Front zwischen den Muslimen und der westlichen Gesellschaft zu ziehen und die Lager zu Feinden zu erklären, die gegeneinander kämpfen. Das Ziel von Terroristen ist es ja immer, unsere Gesellschaft zu spalten und Gräben aufzureißen. Menschen unterschiedlicher Herkunft sollen einander als Feinde wahrnehmen, darum geht es. Aber ich denke, dass ihm das letztendlich doch nicht gelungen ist.

Man vergisst leicht, dass es George W. Bush war, der am Tag nach 9/11 in eine Moschee ging um zu demonstrieren, dass er keinen Kampf gegen Muslime führt, sondern gegen den Dschihad und den Islamismus.
NEUMANN: George W. Bush hat viele Fehler gemacht, aber direkt nach den 9/11-Anschlägen hat er verstanden, dass es nicht dazu kommen darf, dass der Krieg gegen den Terror zum Krieg gegen den Islam wird – dann würde man sich 1,5 Milliarden Muslime zu Feinden machen. Zumindest am Anfang ist Bush nicht in diese Falle getappt. Bei Kriegen gegen den Terror geht es strategisch immer darum, dass es niemals zu einem Bruch innerhalb der Gesellschaft kommt, denn genau das wollen die Terroristen. Wobei der Irakkrieg genau zu dieser Wahrnehmung geführt hat. Und auch das Gefangenenlager in Guantanamo und Abu Ghraib haben dazu geführt, dass der Eindruck verstärkt wurde, dass Amerika gegen den Islam Krieg führt. Und das war fatal.

STAeNDIGER RAT DER OSZE: NEUMANN
Terrorexperte Peter NeumannAPA

Zur Person

Peter Neumann, geboren 1974 in Würzburg. Der Politologe ist Terrorexperte und Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London. 2008 gründete er das International Centre for the Study of Radicalisation.