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Ich düse, düse, düse – ein kurzer Text vom „haben Wollen“

24.07.2021 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Ein Jahr lang ist mir Tochter Eins damit im Ohr gelegen, dass gar alle 13-jährigen Mädchen auf der ganzen Welt einen E-Scooter haben, nur sie nicht. Ur-schlimm bitte! Wie kann ich mein Kind nur so quälen! Die lange Wunscherfüllungs-Wartezeit meines Mädels begründet sich in einer Philosophie, die ich mir zu eigen gemacht habe. In dieser habe ich festgelegt: Erstens, dass Kinder bei Weitem nicht alles brauchen, was da so am Markt herumschwirrt, und zweitens, dass sie – wenn sie etwas so richtig unbedingt wollen – sich gedulden müssen. Sie sollten ebenso lernen, wie viel der Wunsch kostet und wo man diesen in guter Qualität, aber preislich günstig etc. erfüllen kann. Also durchaus auch mal dort stöbern, wo Menschen ihr Gebrauchtes hergeben. Meis­tens verblasst der dringliche Wunsch dann nach ein paar Tagen, bis er schlussendlich wie ein Strohfeuer verschwindet.

Tochter Eins stöberte aber wie wild. An jedem der 364 Tage im Jahr bekam ich Angebote vor die Nase gehalten, wurde mir erzählt, welche Freundin gerade wo günstig eine schnellen, aber wahnsinnig sicheren Scooter gekauft hat und wie unbedingt sie diesen auch haben wolle. Meine Antwort „Du hast ein Fahrrad!“ überzeugte sie nicht davon, von ihrem Wunsch abzulassen. Nach einem Pandemie-desaströsen Schuljahr entschloss ich mich zu einer Sommerferienbelohnung für diese durchgehaltene Zeit. Ein Scooter wurde bestellt. Endlich. Die Hartnäckigkeit meiner Tochter hatte sich bezahlt gemacht. Da stand nun dieser E-Scooter, schwarz, handlich, und weckte mein Inter­esse. „Kann ich mal eine kleine Runde …?“ Nachdem ich fünf Minuten auf diesem bequemen Fortbewegungsmittel gestanden hatte und mir dabei ein fröhlicher 25-Stundenkilometer-Fahrtwind um die Ohren streichelte, war mir klar: Ich brauch dieses Zeug auch! Wie praktisch für kleine Besorgungen, für Arbeiten mit vielen Gehwegen, und wie fein, nicht immer verschwitzt vom Radfahren bei Besprechungen in der Umgebung anzukommen. Ich sammelte mir innerlich möglichst viele Gründe, warum ich diesen kleinen Flitzer brauchte.

Ergo: Mutter Heidi benötigte keine 364, sondern lediglich zwei Tage, um einen zweiten Scooter in den Haushalt der Salmhofers einzuführen. Ich muss lernen, mit mir ebenso konsequent zu sein wie mit meinen Töchtern. Aber … es macht so viel Spaß, in der Sommersonne mit dem kleinen Flitzer zur Arbeit zu fahren. Also lasse ich mal fünf gerade sein und erlaube meinen Kids, den nächsten Wunsch schneller erfüllt zu bekommen. Außer bei einem Mofa. Da warten wir noch, und ich verbiete mir dann, eine Versuchsrunde zu drehen.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.