Allgemein

So fliegen uns die Schweizer um die Ohren

22.07.2021 • 10:58 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Schweiz hat eine große Tradition in der Militärluftfahrt.
Die Schweiz hat eine große Tradition in der Militärluftfahrt. VBS/DDPS/Philipp Schmidli

Schweiz investiert in den Schutz des Luftraums und in Österreich herrscht Stillstand.

Wie macht das die Schweiz? Läuft alles weiter nach Plan, verstärken die Eidgenossen ihre Luftwaffe mit 36 Stück der F-35 „Lightning“ von Lockheed Martin. Reine Anschaffungskosten: 4,6 Milliarden Euro. Nebenbei investieren unsere Nachbarn 1,8 Milliarden Euro in fünf Boden-Luft-Abwehrsysteme. Unter dem Kennwort „Air2030“ wird die Luftraumsicherung also um 6,4 Milliarden Euro bis 2030 komplett modernisiert – und alles aus dem laufenden Verteidigungsbudget finanziert.

Wie Tag und Nacht erscheint da der Vergleich mit Österreich. Zwar verfügt das Bundesheer mit seinen 15 Eurofightern über Kampfjets der vierten Generation. Doch hinter den „Typhoons“ der frühesten Baureihe, ab 2007 in einer Minimalkonfiguration ausgeliefert und dennoch als „Teurofighter“ verschrien, klafft ein Riesenloch. Die Saab-105-Jettrainer wurden im Vorjahr ersatzlos ausgemustert, auch die Eurofighter hätte ÖVP-Verteidigungsministerin Klaudia Tanner am liebsten nach Indonesien verscherbelt. Konzepte für die Zukunft? Fehlanzeige. Die Berichte zweier Kommissionen ihrer Vorgängerminister verstauben in den Schubladen. Die Standardformel aus dem Verteidigungsministerium lautet derzeit: „Die Luftraumüberwachung bei uns ist sichergestellt.“

F-35
Die F-35 „Lightning“ wurde eingehend erprobt – und setzte sich überlegen durch.VDS/DDPS/Aldo Wicki

Überraschungssieger

Die Schweizer dagegen ziehen ihr Ding strukturiert und weitgehend transparent durch. Mit dem Zuschlag für die F-35 habe aber niemand gerechnet, sagt Hansjörg Egger. Der Aviatik-Journalist und Fotograf war lange Angehöriger der Schweizer Luftwaffe und ist jetzt ein viel gefragter Militärluftfahrtexperte. „Das war eine sehr mutige Entscheidung von Verteidigungsministerin Viola Amherd und hat uns alle, sogar die Militärpiloten, total überrascht.“ Unter den vier in der Endauswahl stehenden Typen galten die französische Rafale und der Eurofighter von Airbus als Favoriten. Doch der US-Kampfjet setzte sich in drei von vier Hauptkriterien überlegen durch und war auch preislich unschlagbar. Somit spielten für den Schweizer Bundesrat (Regierung) außenpolitische Überlegungen keine Rolle mehr, ein möglicher Bonus für europäische Hersteller kam nicht zu Tragen.

Hansjörg Egger
Hansjörg Egger, Schweizer Militärluftfahrtexperte. Hansjoerg Egger

„Tauchen keine Ungereimtheiten mehr auf, dann ist dieses Geschäft ziemlich gesichert“, glaubt Egger. Zwar sprachen sich die Schweizer bei der Volksabstimmung nur mit einer hauchdünnen Mehrheit für den Kauf neuer Kampfflugzeuge aus. Durch das deutliche „Ständemehr“ (18 zu 8), also das Abstimmungsverhalten der Kantone, sieht er die Initiativen von Armeegegnern aber als chancenlos. Lancierte Berichte über versteckte hohe Infrastrukturkosten bezeichnet Egger als „Fake News“. Er fürchtet eher eine Kostensteigerung, sollte sich die Beschaffung verzögern.

Patriot
Vom Boden aus soll das System „Raytheon Patriot“ die Luftabwehr unterstützen.armasuisse
Grafik
Die Schweiz setzt auf ein integrierte Luftverteidigung mit Kampfflugzeugen und bodengestützten Elementen.VBS/DDPS

Während der Typenentscheid in der Schweiz noch für Diskussionen sorgt, steht für das Volk die Erhaltung der Luftraumsouveränität mit Kampfjets grundsätzlich außer Streit. „Das ist uns wichtig, ja“, nickt Egger. „Wobei wir nur einen kleinen Luftraum haben und im guten Austausch mit den Nachbarn stehen“. Derzeit wird der Himmel über der Schweiz von insgesamt knapp 40 F-18 „Hornets“ und F-5 „Tiger“ gesichert – letztere füllten in Österreich schon einmal die Lücke zwischen Draken-Ende und Eurofighter-Ankunft. Diesseits von Rhein und Bodensee stellen politische Akteure sogar die Frage, ob man überhaupt Überschall-Flugzeuge für luftpolizeiliche Aufgaben braucht. Von einer echten Verteidigung des Luftraumes kann in Österreich mit den derzeitigen Mitteln ohnehin keine Rede sein. Unsere Eurofighter sind nicht einmal mit Selbstschutzsystemen ausgerüstet.

Video: So bewirbt die Schweiz ihre Rüstungsinvestition

Neue Strategie

Die Schweizer sind da schon einen Schritt weiter, analysiert Egger: „Luftüberlegenheit ist ein Wort aus dem Kalten Krieg. Datenüberlegenheit ist heute viel bedeutender. Wenn ich nicht sehe, was ich bekämpfen soll, nützt mir das beste Flugzeug nichts.“ Kampfjets wie Eurofighter und Rafale seien noch nach dem Prinzip „Flugzeug kämpft gegen Flugzeug“ entwickelt worden. Wahrscheinlicher als solche „Dogfights“ seien heute aber Szenarien, in denen Jets in Radardistanz zueinander operieren. Dafür habe die Schweiz vorgebaut. „Die F-35 ist ständig in der Luft und kann in großer Höhe Informationen über den Luftraum von halb Europa sammeln. Und selbst ist sie aufgrund ihres Querschnitts vom Radar kaum zu sehen“, fasst der Experte die neue Strategie zusammen.

Tanner, Amherd
Kooperation in der Luft: Klaudia Tanner und ihre Schweizer Amtskollegin Viola AmherdAPA

Einer vertiefenden Kooperation der beiden benachbarten Luftwaffen bis hin zur gemeinsamen Überwachung kann Hansjörg Egger einiges abgewinnen. Ein Abkommen zur gegenseitigen „Nacheile“ existiert ja bereits, während des Weltwirtschaftsforums in Davos sichern die Schweiz und Österreich den Luftraum rund um den Tagungsort gemeinsam ab. Auch Ministerin Tanner brachte zuletzt immer wieder europäische Luft-Kooperationen aufs Tapet. „Aber da steht uns wohl unsere Neutralität im Weg“, meldet Egger Zweifel an. Außerdem müssten dann beide Partner gleichermaßen eine Mitgift in diese Ehe einbringen.