Allgemein

„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“

16.07.2021 • 10:53 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Fahrzeuge der Bundeswehr rücken in Altenahr an, um die Rettungsdienste zu unterstützen.
Fahrzeuge der Bundeswehr rücken in Altenahr an, um die Rettungsdienste zu unterstützen. APA/dpa/Thomas Frey

Deutschlands Südwesten steht unter Wasser. Bisher gibt es mehr als 90 Tote.

Jürgen Pföhler hebt kurz die Hand über die Kante eines kleinen Resopal-Tisches und zeigt symbolisch den Pegelstand. „Sie müssen sich das vorstellen“, sagt der Landrat des Kreises Ahrweiler und fährt dann fort: „Viele haben die ganze Nacht im Regen auf einem Dach oder dem Dach ihres Campingbusses ausgeharrt, ohne zu wissen, wann Hilfe kommt.“ Im Süden von Rheinland-Pfalz herrscht Ausnahmezustand.

Nach tagelangen Regenfällen war die Ahr über die Ufer getreten, Fahrzeuge treiben wie Spielzeugautos in den Fluten. Das Örtchen Schuld im Kreis Ahrweiler ist über Stunden komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Menschen fliehen auf die Dächer ihrer Häuser, ganze Gebäude stürzen ein. Mindestens vier Menschen kommen allein in Schuld ums Leben, bundesweit sind es bereits über 60.

Kleine Flüsse werden zu reißenden Fluten

Der Süden des Bundeslands Rheinland-Pfalz gleicht am Donnerstag einer einzigen Seenlandschaft. Vor allem kleine Flüsschen hat es getroffen. Zum Beispiel in der Eifel rund um Bad Neuenahr-Ahrweiler. Und so kriegt Deutschland derzeit ein wenig Nachhilfe in Geografie. Kleine Nebenflüsschen der Mosel wie die Kyll in Kordel oder die Lieser in Wittlich sind plötzlich zu reißenden Strömen angeschwollen. Die dunklen Fluten ergossen sich in Wohnhäuser und Geschäftsräume. Der Ort Waxweiler ist komplett überschwemmt. Der Süden von Rheinland-Pfalz erinnert an New Orleans nach dem Hurrikan „Katrina“.

Am Donnerstag zeigt sich ein erstes Ausmaß der Schäden. Im Örtchen Schuld liegen riesige Bäume quer über der Straße, Fachwerkhäusern fehlt plötzlich die Scheune, mitgerissen von den Fluten. Normalerweise ziehen Wanderer aus Köln und Bonn durch Vulkangestein und idyllische Rotweinhänge. Nun herrscht hier das Chaos. „Es gab einen großen Knall“, sagt Dorfbewohnerin Margret Rademacher den Reportern. Hinter ihr fehlen zwei Häuser. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht“, sagt Rademacher.

<span class="copyright">APA</span>
APA

Schweigeminute

Weiter rheinaufwärts in der rheinland-pfälzischen Hauptstadt Mainz beginnt der Landtag seine Sitzung mit einer Schweigeminute. Dann tritt Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ans Rednerpult. „Es gibt Tote, es gibt Vermisste, es gibt viele, die noch in Gefahr sind“, sagt Dreyer zu Beginn der Plenarsitzung. Ihre erste Zwischenbilanz: „Es ist verheerend.“

In Rheinland-Pfalz im Südwesten Deutschlands sind sie das Leben mit Flüssen gewohnt. Der Rhein prägt das Land und die Mosel. Sie haben gelernt, mit den Strömen zu leben, und in den vergangenen Jahrzehnten entlang der großen Flüsse gewaltig aufgerüstet.

Die Deiche wurden erhöht, eigene Überschwemmungsfläche ausgewiesen, für den Notfall helfen mobile Spundwände. Zumindest an Rhein und Mosel. Nicht aber an den kleinen Zuflüssen wie der Ahr in Bad Neuenahr-Ahrweiler, der Kreisstadt von Landrat Jürgen Pföhler. Auf 5,75 Meter stieg das Flüsschen im Vulkangestein an. Zum Vergleich: Beim bisherigen Jahrhunderthochwasser von 2016 lag der Höchststand bei 3,71 Meter.

Starkregen nennen Meteorologen das Phänomen. „Tiefdruckgebiete in Verbindung mit warmer und sehr feuchter Luft – das bedeutet im Sommer oft nichts Gutes“, sagt Meteorologe Felix Dietzsch. Die zunehmend wärmere Sommerluft saugt sich voll mit Wasser. Weil die Temperaturunterschiede der Luft in der Atmosphäre über Nordpol und Mitteleuropa sinken, schwindet die Kraft des Jetstreams. Die Luft in der Höhe scheint stillzustehen und lässt ihre nasse Last konzentriert an einzelnen Orten ab.

2002 traf es die Nebenflüsse der Elbe, jetzt geht im Südwesten Deutschlands alles unter. Alles über 25 Liter pro Quadratmeter innerhalb von sechs Stunden ist nach der Definition des Deutschen Wetterdienstes (DWD) als Starkregen anzusehen. Nun bringt Tief „Bernd“ an manchen Orten mehr als 150 Liter pro Quadratmeter, in Hagen in Nordrhein-Westfalen werden gar 273 Liter gemessen. Und es gibt nur eine vorsichtige Entwarnung. „Kräftiger Regen und Gewitter werden uns wohl noch bis mindestens Freitag begleiten. Erst zum Wochenende zeichnet sich von Nordwesten her eine zunehmende Wetterberuhigung ab“, sagt DWD-Meteorologe Dietzsch. Doch die Regenmengen sinken.

„größte Katastrophe seit zweiten Weltkrieg“

In Bad Neuenahr-Ahrweiler lädt Landrat Pföhler zur improvisierten Pressekonferenz. Neben ihm sitzt tief betroffen der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD). Auch er lauscht den Experten von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und Bundesheer. Selbst aus Hessen und Baden-Württemberg wurde Unterstützung angefordert. „Das ist die größte Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Pföhler.

Die Politik reagiert schockiert. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel twitterte aus Washington, wo sie US-Präsident Joe Biden zu einem Arbeitsbesuch traf: „Ich bin erschüttert über die Katastrophe, die so viele Menschen in den Hochwassergebieten durchleiden müssen.“ Den unermüdlichen Helfern und Einsatzkräften danke sie von Herzen. Ähnlich äußerten sich SPD und Grüne. Im aufziehenden Bundestagswahlkampf wird aber auch darüber gestritten, ob die zunehmenden Wetterphänomene eine Folge des Klimawandels sind. „Man kann schon über das Hochwasser sprechen, ohne auf die eindeutigen Zusammenhänge zwischen diesen Extremen und der Klimakrise einzugehen“, kritisiert die Klimaaktivistin Luisa Neubauer die Klimapolitik der Union.

Eine um ein Grad wärmere Luft kann bis zu sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen, sagen die Meteorologen. Mit gravierenden Folgen. Nicht nur in Rheinland-Pfalz steigen die Pegel, auch im Saarland und in Nordrhein-Westfalen herrscht Hochwasser. Dort werden aus der Stadt Hagen 273 Liter pro Quadratmeter gemessen. Unmengen.

Und noch ist das Ganze nicht ausgestanden. Das zeigt ein Blick nach Rheinland-Pfalz. Ahr, Kyll, Lieser und Sauer ergießen sich in die Mosel und landen schließlich im Rhein. Schon fürchtet die stromabwärts gelegene Millionenmetropole Köln, der Fluss könnte über die Ufer treten.

In Bad Neuenahr-Ahrweiler macht Landrat Pföhler sehr plastisch deutlich, was die Unwetter bedeuten. Bis auf drei Schulen im Kreis sind alle kreiseigenen Schulen überflutet. „Da geht es um Wasserschäden, das wird lange dauern“, sagt Pföhler verzweifelt. Die Fluten gehen, hoffentlich, aber die Schäden bleiben.