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„Es gibt nicht nur das eine K.o.-Mittel“

16.07.2021 • 11:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bei K.O.-Tropfen lauert die Gefahr im Glas, nachgewiesen werden sie häufig nicht
Bei K.O.-Tropfen lauert die Gefahr im Glas, nachgewiesen werden sie häufig nicht Gerhard Seybert – Fotolia

Vorwürfe auf Maturareise: Experten erklären Wirkung von K.o.-Tropfen.

Ohne Erinnerung an den Abend aufzuwachen, das dumpfe Gefühl in Watte gepackt zu sein, der letzte Schluck vom Getränk und danach Filmriss. Das sind Symptome die auf K.o.-Tropfen hinweisen können, geben Experten Einblick in die Gefühlswelt der Opfer. Missbrauchsvorwürfe unter Einsatz von K.o.-Tropfen auf der Maturareise in Kroatien haben das Thema ins Zentrum gerückt. Aber sind K.o.-Tropfen ein echtes Problem – oder muss die Tropfengeschichte häufig bei Alkoholexzessen herhalten?

„Bei vielen K.O.-Mittel-Fällen gibt es keinen Substanznachweis“, erklärt Wolfgang Bicker, Leiter des Forensisch-Toxikologischen Instituts in Wien. „Wenn man eine betroffene Person nicht kennt und nicht weiß, wie sie auf Alkohol reagiert, gibt es keine sicheren K.o.-Mittel-Symptome. Auch der Filmriss kann durch Alkohol entstehen. Aber wenn sich Leute kennen und moderat Alkohol getrunken wird und sich plötzlich das Zustandsbild im Sinne von verwaschener Sprache und inadäquatem Verhalten ändert – von völlig überdreht bis in Richtung Sedierung, sind das schon sichere Hinweise.“

Von sexuell enthemmend bis betäubend


Das Forensisch-Toxikologische Institut in Wien untersucht laufend Fälle: „Nicht tagtäglich, aber es ist das ganze Jahr über präsent“, erklärt Bicker. Dabei gibt es nicht nur das eine K.o.-Mittel, sondern über 100 Substanzen: „Jede Substanz, die als K.o.-Mittel missbräuchlich verwendet werden kann, wirkt auf das zentrale Nervensystem und kann dort sehr unterschiedliche Dinge auslösen.“
Liquid Ecstasy (GHB) ist eines dieser Mittel: „Bei niedriger Dosierung ist es eher leicht aufputschend, sozial öffnend, man wird redselig und sexuell enthemmt. In höherer Dosierung kann es zu einem Schlafzustand kommen.“ In allen Fällen von K.o.-Tropfen entscheidet die jeweilige Substanz über die Erinnerung: „Wenn man sich aus Tätersicht auskennt, welche Substanz wie wirkt, werden vornehmlich solche verwendet, die das Erinnerungsvermögen beeinträchtigen.“

Um so schwieriger sei später die Rekonstruktion bei einer Anzeige. Die Zahl der Anzeigen von Delikten in Verbindung mit Betäubungsmitteln (darunter auch K.O.-Tropfen) hat sich laut Kriminalstatistik seit 2013 mit mehr als 106 Fällen im Jahr 2020 in Österreich mehr als verdoppelt. Haupttatbestände waren 2020 36 Raube und 68 Vergewaltigungen. Zwei Mal wurde auch geschlechtliche Nötigung angezeigt. In der Steiermark wurden 2020 fünf Vergewaltigungen und sieben Raube unter Betäubung angezeigt. In Kärnten waren es ein Raub und drei Vergewaltigungen.

Bei Verdacht auf K.O.-Tropfen

K.o.-Tropfen wirken von euphorisch enthemmend, betäubend bis hin zur Bewusstlosigkeit oder sogar tödlich.


Ist der oder die Betroffene bewusstlos, die Rettung rufen! Bei Verdacht auf Missbrauch die Notaufnahme aufsuchen.


Getränketester oder Armbänder gegen K.o.-Tropfen geben keine Sicherheit, denn sie können nur wenige Substanzen erfassen.


Die Polizei rät, Getränke nie unbeaufsichtigt stehen zu lassen und gegenseitig auf Freunde und deren Getränke zu achten.

K.O.-Tropfen nur kurze Zeit nachweisbar

Dabei gehen Experten von einer Dunkelziffer aus: „Wenn Opfer einen Filmriss haben und nicht wissen, was passiert ist, und sie niemanden haben, auf den sie zeigen können, ist die Schwelle größer, überhaupt irgendwohin zu gehen und den Verdacht zu äußern“, erklärt Ewa Müller, Fachärztin für Pädiatrie an der Grazer Kinderklinik, wo jährlich „einige wenige Fälle“ mit K.o.-Tropfen landen. „Hauptproblem ist, dass die Tropfen in Blut und Urin nur relativ kurz nachweisbar sind“, so Müller.
„Liquid Ecstasy ist mit einem Nachweisfenster von sechs Stunden im Blut und 12 Stunden im Urin das Problematischste“, erklärt Bicker.

Andere Substanzen aus dem Bereich der Schlaf- und Beruhigungsmittel sind mitunter bis zu drei Tage lang nachweisbar.
„Häufig wachen Frauen nach Sexualdelikten in einer fremden Wohnung auf und gehen nicht fünf Minuten später zur Polizei“, meint Bicker. Opfer seien häufig auch von einem Schamgefühl begleitet, „obwohl das Opfer natürlich nichts dafür kann, es ist immer der Täter schuld“, ergänzt Müller.