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Ritt auf Emotionen ist eine ungleiche Angelegenheit

19.06.2021 • 15:09 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Wenn ich beim Hofer vor dem Kühlregal stehe und mir die Tränen kommen, weil die Biobutter aus ist, wird mir klar, ich habe den Ritt auf meinen Emotionen gerade nicht unter Kontrolle, der Gaul geht mir durch. Im Moment bin ich Cowgirl auf einem besonders hitzigen Pferd. Es ist nämlich sehr witzig, dass private und berufliche Beschwerlichkeiten in den seltensten Fällen getrennt voneinander daherkommen.

Sprich: Der Gaul wird aufgewiegelt, bis er Schaum vor dem Mund hat. Die Zügel dabei immer fest in der Hand zu halten, ist ein Kunststück für mich. Ich bewundere die Beherrschung so mancher Menschen, die sich genau einteilen können, wann denn Zeit und Raum für Gefühlsausbrüche ist und wann nicht und wann sie diesen auch gedanklich Platz machen – sozusagen die Spanische Hofreitschule unter den Emotionsreitern. Das ist mir ein Ding der Unmöglichkeit.
Beschäftigt mich etwas, kann mein Kopf nicht loslassen. Da brodelt, schimpft, diskutiert, erklärt und argumentiert es mit dem Auslöser meines durchgegangenen Gauls in meiner Gedankenwelt, bis mindestens nach Mitternacht. Dann wird mir für ein bis drei Stunden Ruhe gegönnt (der Körper meint wahrscheinlich, dass ein bisschen Kraft zum Atmen und für Herzschlag vonnöten sein könnte), und um spätestens vier Uhr morgens fängt mein innerer Dialog schon wieder an. Ich versuche jedes Mal, sämtliche Entspannungsrituale, die mir in meinem Leben begegnet sind, durchzuexerzieren. Schäfchen zählen geht nicht, die diskutieren einfach mit.

Dann lieg ich also da und rezitiere über die innere Streiterei hinweg: „Gedanken kommen und gehen lassen. Wandern lassen. Loslassen. Vorbeiziehen lassen.“ Geht nicht, weil die ziehen eben nicht vorbei, sondern spazieren eine kleine Runde und sind wieder da. Gut, dann denke ich an etwas Witziges oder Schönes. Aber der lästige Dialog ist so einer, der sich auch bei einer schnellen Hofer-Kassa immer vordrängeln oder „Nächste Kassa!“ rufen würde, wenn nur zwei Personen in einer Schlange stehen. Er ist somit immer irgendwie vorne und stichelt und zwickt meine Emotionen. Die einzige Chance, die ich habe, zur Ruhe zu kommen, ist also ein Gespräch im realen Leben.

Für mein Gegenüber ist das aber gar nicht mal so notwendig, es gehört nämlich zur Kategorie „Spanische Hofreitschule“. Das sind etwas unausgeglichene Bedingungen. Deshalb so eine grundsätzliche Bitte an die Hofreit-Absolventen: Manche von uns kommen aus dem Ponyreitclub nicht hinaus, deshalb brauchen wir Zügelhilfe. Das dürfte doch für so elegante Dressurreiterinnen und Reiter eine Leichtigkeit sein.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.