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Über das Ignorieren und Fehler verliebter Kommunikation

12.06.2021 • 15:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Nein, ich schreibe nicht gleich zurück, sonst glaubt er noch, ich sitze den ganzen Tag da und warte nur auf seine SMS“, sagt meine sehr selbstbewusste Mittvierziger-Freundin, die den ganzen Tag auf seine SMS wartet und komplett glücklich ist, wenn es auf ihrem Handy piepst und ein „Ich vermiss dich“ auf dem Display erscheint.

Diese Aktionsberechnungen im Zuge des Kennenlernens sind etwas, das ich nicht verstehe. Im Gymnasium in Bludenz, vor gefühlten 250 Jahren, gab es einen Jungen, der mir äußerst gut gefallen hat. Jedes Mal, wenn er mir am Schulgang entgegen schwebte, musste ich ihn ansehen. Meistens lief ich dabei knallrot an und mein Herz klopfte so wild, dass meine Mandeln mitvibrierten. „Du darfst ihn nicht angucken!“, erklärte mir meine Freundin. „Geh an ihm vorbei und ignoriere ihn!“ Mir schien das nicht ganz logisch, aber bitte, immerhin hatte meine Freundin schon ihren ersten Kuss hinter sich, somit war sie Hinblick auf das andere Geschlecht um 100 Prozent erfahrener als ich. Ich beachtete den wunderschönen Jungen also nicht mehr, in der Hoffnung, dadurch an Coolness dazu zu gewinnen. Die Folge davon war, dass ich von ihm kein Lächeln mehr geschenkt bekam.

Meine Teenie-Freundin wusste aber genau, was in diesem Fall zu tun war. Anrufen. Und zwar nicht ich, sondern sie. Kurzerhand stöberte sie im Telefonbuch nach der Nummer dieses Jungen und rief ihn an. „Hallo, ist da Bernd?“ – „Kennst du Heidi?“ (Ich habe in diesem Moment versucht, im Boden zu versinken) – „Oh.“ (Mein Herz verschwand in der Hose) – „Naja, sie ist verknallt in dich!“ (ich schrie innerlich) – „Ok. Schade. Tschüss!“ (irgendetwas zersprang in mir). Meine Freundin schaute mich bedauernd an und teilte mir mit Trauerstimme mit, dass mich Bernd nicht kennen würde, er nicht wisse, wer ich sei und es ihm leid täte, aber er in diesem Falle nicht Selbiges von sich behaupten könne.

No na ned – meine emotionale Wiener Stimme machte sich bemerkbar – wie soll er mich auch kennen, wenn ich ihn die ganze Zeit ignoriert habe, nur um dann ein Telefonat führen zu lassen, bei dem ich mir gewünscht hätte, die Erde möge sich auftun, mich verschlingen und in Australien wieder ausspucken. So ein Blödsinn. Seit dieser Erfahrung halte ich nichts mehr von berechnender Kommunikation. Wenn ich jemanden mag, sag ich das. Wenn derjenige es nicht aushält, dann wird er mich wohl auch als Person auf Dauer nicht aushalten. „Schreib ihm zurück“, sage ich also zu meiner Freundin. „Wozu das Eiern? Wenn du schreiben magst, schreib, das gehört zu dir und deinen Gefühlen.“ Sie hat es getan. Er hat sich sehr gefreut.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.