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Mittelschicht bei Schuldnerberater

11.05.2021 • 12:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mittelschicht bei Schuldnerberater

Corona sorgt auch bei Menschen aus der Mittelschicht für Schuldenfalle.

Obwohl die Insolvenzen zuletzt paradoxerweise zurückgingen, schlagen Österreichs Schuldnerberater jetzt Alarm. „Es ist die Ruhe vor dem Sturm„, sagt Michael Lackenberger, Geschäftsführer der gemeinnützigen Schuldnerberatung Niederösterreich während der Präsentation des aktuellen Schuldenreports am Montag. „Durch Kurzarbeit und Jobverlust erweitert sich unsere Klientel. Auch Menschen aus der gesellschaftlichen Mittelschicht geraten zunehmend in die Schuldenfalle. Personen, die sich nie hätten vorstellen können, einmal eine Schuldenberatung zu brauchen, die aber jetzt ihre Leasingrate und die Miete nicht mehr bezahlen zu können. Die Schere zwischen Arm und Reich weitet sich aus.“

55.000 Menschen erhielten im Jahr 2020 Unterstützung von einer der zehn staatlich anerkannten Schuldenberatungen. Jeder dritte, der eine Schuldenberatung aufsucht, hat monatlich höchstens 1000 Euro zur Verfügung. Lackenberger und Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB Schuldnerberatungen, erwarten in den nächsten Monaten bzw. im nächsten Jahr einen Run auf die Schuldnerberatungen. Sie beziffern den prognostizierten Anstieg mit rund 36 Prozent, basierend auf dem Fakt, dass immer rund 2,6 Prozent der Arbeitslosen Schuldnerberatung in Anspruch nehmen. Mehr Arbeitslose: mehr Überschuldete. „Und dazu kommen noch die ehemaligen bzw. gescheiterten Selbstständigen.“

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Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB SchuldnerberatungenKleine Zeitung

Die Corona-Hilfen und Stundungen laufen langsam aus. Finanzamt und Sozialversicherungen beginnen mit ihren Eintreibungen, sagt Mitterlehner. Viele Österreicher hätten aber in den letzten Monaten Schulden gemacht, um überleben zu können. Jetzt, erst jetzt, wird es für viele eng. Dabei sind in Österreich ohnehin schon 289.000 Menschen arm trotz Erwerbstätigkeit. Und 385.000 Kinder armutsgefährdet.

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Was kosten Kinder?Kleine Zeitung

Konkurse in die Zukunft verschoben

Anfang 2021 hat es deutlich weniger Fälle von Zahlungsunfähigkeit als ein Jahr davor gegeben. Im ersten Quartal registrierte die Statistik Austria nur 484 Insolvenzen, um 57 Prozent weniger als die 1118 Fälle von Jänner bis März 2020. Im Gesamtjahr 2020 war die Zahl der Insolvenzen um 39 Prozent auf 3001 gesunken.

Der starke Rückgang der Insolvenzen um 57 Prozent bis März sei vor dem Hintergrund der seit 1. März 2020 ausgesetzten Insolvenzantragspflicht bei einer Überschuldung erfolgt, so Statistik-Austria-Chef Tobias Thomas.

Bei Dun & Bradstreet Österreich betont man am Montag, dass der starke Rückgang nicht bedeute, dass es der Wirtschaft gut gehe. Das Minus sei Folge der Milliarden, die der Staat in die Wirtschaft gepumpt habe. Viele Konkurse würden damit nur in die Zukunft verschoben, aber nicht aufgehoben. Das betreffe vor allem sogenannte „Zombie“-Unternehmen, die bei normalem Geschäftsverlauf schon aufgeben hätten müssen, nun aber durch Zuschüsse und Sonderregelungen weiter künstlich am Leben erhalten würden.

Die Insolvenzlage sei heuer gedämpft aufgrund der Verlängerung der Steuerstundungen und der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Ende Juni, hatte der Gläubigerschutzverband KSV1870 Ende April erklärt. Der Anstieg der Insolvenzen werde „im Herbst langsam beginnen“, 2022 und 2023 werde sich der Anstieg fortsetzen.

Das Problem: Wie viele überschuldete Menschen es konkret gibt, wird in Österreich seit 2008 nicht mehr erhoben, was Mitterlehner und Lackenberger kritisieren. „Dadurch haben wir das Bild vor der Krise nicht. Und der Gesetzgeber ist im Blindflug und mit bloßem Bauchgefühl unterwegs.“ In Deutschland werden die Überschuldungsquote sehr wohl erhoben. In Bayer beträgt sie derzeit sieben Prozent, in Saarbrücken 16 Prozent. „In Österreich hingegen sind wir auf Mutmaßungen angewiesen“, Man geht derzeit von zehn Prozent aus, das entspräche 680.000 überschuldeten Menschen.