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Das Nettsein ist deutlich besser als sein Ruf

01.05.2021 • 15:08 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Wann genau ist es eigentlich passiert, dass das Wort „nett“ so in Verruf geraten ist? Bis heute steht doch im Duden, dass es die Bezeichnung für „freundlich und liebenswert, im Wesen angenehm“ ist. Ergo: Wenn etwas „nett“ ist, dann müsste es doch heißen, dass es sehr angenehm war. Ist eine Party aber „nett“, ist sie langweilig, ist ein Theaterstück „nett“, ist es unaufgeregt, ist ein Film „nett“, dann eignet er sich perfekt zum Einschlafen.

Wir scheinen dieses Wort intuitiv mit Angepasstheit und Farblosigkeit zu verbinden. Und so wie es manchmal den Eindruck hat, hüpft diese Ansicht auch auf die Menschen über. Nett sein ist nicht mehr überall en vogue. In den sozialen Medien fauchen sich die Leute an, im Supermarkt rollt man die Augen über drei Minuten Wartezeit. Neulich hat jemand die Polizei gerufen, weil meine Töchter auf einem Spielplatz gespielt haben, und überhaupt habe ich den Eindruck einer unangenehmen Anspannung, die in der Luft hängt. Als ich letztens bei einer Testung in der Schlange gestanden bin, spürte ich ihn auch in meinem Nacken, diesen ganz kleinen, kaum merkbaren kalten Hauch. Die Blicke, die insgeheim abmaßen, ob man den Abstand einhielt, die Unruhe über die Wartezeit, obwohl man sich doch einen Termin ausgemacht hat, der Unmut.

Unvermittelt musste ich – wieder einmal – an meine Oma denken. Egal, also wirklich total egal, wohin ich mit ihr gegangen bin, sie hatte immer ein freundliches Lächeln für jeden übrig. Sie hat wildfremden Leuten an der Bushaltestelle Komplimente gemacht, sie hat mit den Kassiererinnen jedes Supermarktes gescherzt und war, wortwörtlich, die menschliche Manifestation von „nett“. Wenn jemand tatsächlich unfreundlich zu ihr war, hat sie mit: „Es tut mir wirklich leid, dass Sie heute einen schlechten Tag haben. Ich hoffe, Sie kommen bald heim für ein feines Abendessen!“, oder einer anderen Nettigkeit reagiert.

„Weißt du,“, hat sie zu mir gesagt, „ich weiß nie, was die Menschen fünf Minuten vor unserer Begegnung erlebt haben, aber ich kann ihnen für die nächsten fünf Minuten ein bisschen gutes Gefühl mitgeben.“ Meine Oma hat den Zweiten Weltkrieg erlebt, sie hat erlebt, wie sich Menschen gegenseitig verraten und in den Tod geschickt haben, wie sich Menschen als Herrenmenschen definiert haben und andere als lebensunwürdig betrachtet haben. Sie hat Angst vor dem Tod durch Krieg und Denunziation erlebt. Und trotzdem ist sie jedem Menschen unvoreingenommen begegnet. Sie war einfach total nett. Ich finde, das gehört wieder eingeführt, dieses Nettsein.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.