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Grün ist alles, was ich mache

27.04.2021 • 10:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Sams</span>"Die Natur ist nicht nur für Erwachsene ein Ausgleich", spricht Iris Lins.
Sams"Die Natur ist nicht nur für Erwachsene ein Ausgleich", spricht Iris Lins.

Österreichs erste Kräuterwerkstatt für Kinder und Jugendliche.

Iris Lins wusste schon immer, was sie wollte. Mit vier Jahren beschloss sie, kein Fleisch mehr zu essen, weil es ihr gleich logisch vorgekommen wäre, von ihrem Sitznachbarn ein Stück abzubeißen. Dabei ist es geblieben. „Aber ich würde meinem jetzt fast einjährigen Sohn nicht verbieten, Fleisch zu essen. Wichtig ist mir zu schauen, woher es kommt und dass es nicht täglich auf dem Tisch steht.“
Ihr Sohn bekommt viel Aufmerksamkeit. Gemeinsam schauen die beiden ein Bilderbuch an, er darf mit einem Kochlöffel auf einen Deckel klopfen, „Musik machen“. Es sind die einfachen Dinge, die Söhnchen Finn glücklich machen. Wie bei allen Kindern, ist Lins’ Beobachtung: „Im Wald ist Finn am zufriedensten.“

Nicht nur er, alle Kinder fühlen sich in der Natur wohl. Löwenzahn sammeln, Gierschblätter, um eigene grüne Palatschinken zu backen, Ofenkartoffeln mit selbstgemachtem Wiesenpesto, hmm, lecker! Lins ist Kräuterpädagogin und führt Kinder in die Wunderwelt der Kräuter ein. Kinder dürfen in Gemeinschaft die Freiheit, die Vielfalt, das Nährende, den Kreislauf der Natur entdecken. „Die Natur ist nicht nur für Erwachsene ein Ausgleich. Auch Kinder sitzen schon viel vor dem Computer, gehen nicht viel raus, sondern haben schon viel Freizeitstress“, bedauert Lins.

Verarbeiten lässt sich vieles von dem, was unterwegs wächst. <span class="copyright">Sams</span>
Verarbeiten lässt sich vieles von dem, was unterwegs wächst. Sams

In gewisser Weise sind die Kräuter bei ihrer Arbeit mit Kindern auch Mittel zum Zweck. Wider die Reizüberflutung, für das Erlernen von Empathiefähigkeit, für das Erfahren von Selbstwirksamkeit und von gemeinsamem Tun, das glücklich macht. Die Erfahrung, nichts leisten zu müssen. Und alle sammeln in den gleichen Korb.

Selbstständigkeit

Bevor die heute 42-Jährige vor zehn Jahren ihr Unternehmen „Kräuternest“ gegründet hat, war sie nach dem Prozess- und Projektmanagement-Studium bei Hilti als Assistentin angestellt. Irgendwann nahm sie an einem Kräuterwochenende teil, und als sie montags darauf wieder in den Räumen von Hilti stand, wusste sie: „Das ist nicht meine Welt.“ Stattdessen hat sie sich nach einer Ausbildung auf dem Gebiet Kräuterpädagogik umgesehen und ist auf die Ausbildung beim Ländlichen Fortbildungs­institut gestoßen.

Die Rezepte in Lins’ Büchern sind oft einfach nachzumachen. <span class="copyright">Sams</span>
Die Rezepte in Lins’ Büchern sind oft einfach nachzumachen. Sams

Für ihre Selbstständigkeit brachte sie alles Nötige mit. Sie kann gut organisieren. Inzwischen ist sie Kräuterpädagogin und Kräuterexpertin, außerdem grüne Kosmetikpädagogin, und hat eine Grundlagenausbildung in TEM. Das Kürzel steht für „Traditionelle europäische Medizin“, diese ist weniger bekannt als ihr Pendant, die Traditionelle chinesische Medizin TCM.

Iris Lins möchte, dass Kinder die Natur mit allen sinnen erleben.<span class="copyright"> Sams</span>
Iris Lins möchte, dass Kinder die Natur mit allen sinnen erleben. Sams

Aber vor allem weiß Lins, was sie will. Sie will Kindern ermöglichen, die Natur mit allen Sinnen zu erleben und Wildkräuter zu verarbeiten. Aber auch, Grenzen zu erfahren. Fürs Kräutersammeln zum Beispiel gibt es klare Regeln. „Geerntet werden nur gesunde Pflanzen. Wir dürfen nicht überall einfach nehmen, manchmal muss man fragen. Wir sammeln nur die Pflanzen, die wir gut kennen – Kinder sollten dabei in Begleitung eines kundigen Erwachsenen sein.“

Zwischen Wald und Wiese

Lins wohnt mit ihrer Familie in Klaus neben einer Wiese, die sich wie ein unendlicher, gelb-weiß gepunkteter Teppich ausbreitet. Davor stehen die mächtigen Berge, direkt dahinter der Wald, eine tägliche Verlockung. Kräuter sollten bei der Verarbeitung frisch sein – so sie nicht getrocknet sind –, und so gibt es eigentlich immer Grund genug, ein wenig Spitzwegerich zu sammeln, Veilchen oder Gänseblümchen. Für einen Topfen, in den Teig oder die Suppe. „Wenn man das Grundsätzliche bei der Arbeit mit Kräutern verstanden hat, kann man fast unendlich kombinieren“, erklärt die Kräuterpädagogin.

Lins bietet Kurse, Tees, Bücher und Kräuter-Bastelsets an. <span class="copyright">Sams</span>
Lins bietet Kurse, Tees, Bücher und Kräuter-Bastelsets an. Sams

Inzwischen ist die Kräuternest-Familie um zwei feste Mitarbeiterinnen angewachsen. Die Produkte gibt es auch übers Internet, kreative Kräuter-Sets, Lins’ Bücher oder Schatzkisten. Was da drin ist? Wird natürlich nicht verraten.
Außerdem gibt es bald das neue Buch „Kräuter.Wege.Wissen“ zu kaufen. Letztlich ist es, wie Iris Lins sagt: „Wir sind immer auf dem Weg.“

Flora-tipp: Die Wirkung der Natur

Einer der Frühlingsboten ist das Gänseblümchen, im Volksmund auch Tausendschön genannt. Daraus lassen sich hübsche Haarkränze binden. Die Blüten schmecken nussig und können aufs Butterbrot verteilt werden. Sie sind auch im Salat eine willkommene Abwechslung. „Ganz spannend wird es an Regentagen“, berichtet Iris Lins, „wenn wir Lust auf Zauber-Suppe haben: Die kleinen Köpfe der Gänseblümchen sind bei schlechtem Wetter geschlossen. Landen sie in unserer warmen Suppe, öffnen sie sich wie von Zauberhand“.
Das Tausendschön funktioniert wie eine Wetteruhr: Hat es am Morgen seinen Blütenkopf geschlossen, wird an diesem Tag nicht die Sonne scheinen. Die zerriebenen Blätter helfen bei Insekten­stichen oder kleinen Kratzern. Vor allem aber bei hart­näckigem Husten: Ein Tee aus Blüten, Blättern und Stängeln löst den Schleim in der Lunge. Gute Beigaben sind ­Spitzwegerich und Veilchen. Bei unreiner Gesichtshaut ­regelmäßig mit Gänseblümchentee waschen oder eine feucht-warme Kompresse auflegen.