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Indien: Situation löst weltweit Besorgnis aus

26.04.2021 • 10:45 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der rasante Anstieg der täglichen Neuinfektionen hat zu einer Knappheit an Medikamenten und medizinischem Sauerstoff geführt
Der rasante Anstieg der täglichen Neuinfektionen hat zu einer Knappheit an Medikamenten und medizinischem Sauerstoff geführt AP

Fachleute nehmen Doppel-Mutation unter die Lupe.

Das indische Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps: Es mangelt an Betten, Sauerstoff, Medikamenten. Deutschland und Italien verhängten einen Einreisestopp wegen der sich in Indien ausbreitenden Virusmutation B.1.617 .

Anfang des Jahres war die Lage in Indien vergleichsweise gut, doch jetzt verzeichnet Indien inzwischen die höchsten Infektionszahlen weltweit. Binnen eines Tages wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums zuletzt knapp 350.000 Neuinfektionen und mehr als 2700 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus registriert.

Indiens Gesundheitssystem droht unter der Coronalast zusammenzubrechen. Der rasante Anstieg der täglichen Neuinfektionen hat zu einer Knappheit an Medikamenten und medizinischem Sauerstoff geführt, vor den Krankenhäusern stehen die Patienten Schlange. Mitverantwortlich für die dramatische Lage könnte die neue Virusmutation B.1.617 sein. B.1.617 wurde bisher in Österreich nicht nachgewiesen, betonte der Virologe und Immunologe Andreas Bergthaler Montagfrüh auf Twitter.

„Ob diese Variante mit Fluchtmutationen infektiöser ist bzw. zu schwererer Krankheit führt, ist bisher noch unklar. Die Infektionswelle in Indien könnte auch andere Gründe haben“, erläuterte der Experte vom Forschungszentrum für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Die katastrophale Situation in Indien sei vermutlich vorrangig dem katastrophalen Pandemie-Management geschuldet und eventuell erhöhter Übertragbarkeit, schrieb auch der Molekularbiologe Martin Moder in dem Kurznachrichtendienst. Gegen die Mutation aus Indien „dürften die Impfstoffe gut wirksam sein“, betonte er.

Was über die indische Mutation bisher bekannt ist

Woher kommt die Mutation?
Viren sind ständig im Wandel. Das Virus, das die weltweite Corona-Pandemie ausgelöst hat, hat bereits Tausende Mutationen durchlaufen, einige davon sind bedenklicher als andere. Indien meldete der Sequenzdatenbank der Global Initiative for Sharing All Influenza Data (Gisaid) erstmals im Oktober 2020 das Auftreten des Genoms B.1.617.

Das indische Gesundheitsministerium wies Ende März 2021 auf die Variante hin. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie demnach bei 15 bis 20 Prozent der analysierten Proben in dem am stärksten von der Pandemie betroffenen Bundesstaat Maharashtra nachgewiesen. Jüngsten Angaben zufolge macht B.1.617 in Indien mittlerweile rund 60 Prozent der Corona-Neuinfektionen aus. Auch in 18 weiteren Ländern wurde die Variante bereits festgestellt.

Besteht Grund zur Sorge?
Die Mutation B.1.617 wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bisher als „von Interesse“ eingestuft. Anders als die Varianten, die zuerst in Brasilien, Südafrika und Großbritannien entdeckt wurden, gilt B.1.617 bisher nicht als „besorgniserregend“.

Die Variante weist mehrere Mutationen auf, darunter E484Q und L452R. Mit diesen Abkürzungen wird die genaue Position der jeweiligen Erbgutveränderung im Virus-Genom angegeben. Die beiden Mutationen sind der Grund, warum B.1.617 auch als Doppel-Mutation bezeichnet wird.

E484Q ähnelt einer Mutation, die auch bei den südafrikanischen, brasilianischen und britischen Mutationen festgestellt wurde: der Mutation E484K. Diese wird von Experten als „Escape-Mutation“ bezeichnet, da sie dem Virus hilft, dem Immunsystem des menschlichen Körpers zu entkommen. Die zweite Mutation, L452R, ist einer kalifornischen Studie zufolge ein „effizienter Verbreiter“ für das Virus.

Ob die beiden Mutationen die Variante tatsächlich gefährlicher machen, ist noch nicht abschließend geklärt. Wissenschaftlern zufolge sind weitere Daten nötig, um B.1.617 als gefährliche Variante einzustufen.

Ist die Mutation verantwortlich für den rasanten Anstieg der Fälle in Indien?
Nach Angaben des Direktors des Zentrums für Zell- und Molekularbiologie in Hyderabad, Rakesh Mishra, hat sich die indische Mutation bisher erfolgreicher verbreitet als andere Virus-Varianten. „Langsam wird sie sich durchsetzen und die anderen Varianten verdrängen“, sagte er. Das muss jedoch nicht heißen, dass die dramatische Coronalage in Indien allein auf die Mutation zurückzuführen ist. Schuld daran könnte ebenso die Unbekümmertheit sein, mit der Indiens Zentralregierung und die Behörden der Bundesstaaten der Pandemie in den vergangenen Monaten begegneten. Als die Fälle im Oktober und November 2020 zu sinken begannen, lockerte die Regierung ihre Maßnahmen deutlich, es gab zahlreiche Großveranstaltungen, bei der sich die Menschen ohne Schutzmasken drängten.

Wirken Impfstoffe gegen die Mutation?
Die indische Mutation E484Q ist verwandt mit der britischen, südafrikanischen und brasilianischen Mutation E484K. Diese steht im Verdacht, den Schutz durch die Antikörper zu verringern, die ein Mensch nach einer vorangegangenen Erkrankung oder Impfung gegen das Coronavirus aufgebaut hat, wie der Evolutionsvirologe Stephen Goldstein von der Universität Utah erklärt.

Nach Angaben des indischen Experten Mishra wird die Wirksamkeit von Impfstoffen gegen die indische Mutation derzeit getestet. Experten sind der Meinung, dass eine Impfung in jedem Fall einen gewissen Schutz bietet, insbesondere vor einem schweren Verlauf der Krankheit.

Wie lässt sich die Krise bewältigen?
Wenn es mehr Wirte für das Virus gibt – also mehr Menschen mit einer Corona-Infektion – kann das Virus schneller mutieren. Nach Angaben des Experten Mishra ist es daher dringend erforderlich, dass Indien den Ausbruch in den Griff bekommt. Kürzlich sorgte eine weitere neue Variante mit der Bezeichnung B.1.618 für Aufsehen. Sie hat sich in Indien offenbar bereits als drittgrößte Mutation verbreitet.

Evolutionsvirologe Goldstein verweist auf den Erfolg Großbritanniens bei der Eindämmung der britischen Variante: „Es kann ziemlich mühsam sein, aber es ist machbar.“ Die rasche Ausweitung der Impfkampagne habe den Briten dabei sicherlich in die Hände gespielt. „Aber es ist der Lockdown, der es ihnen ermöglicht hat, den Anstieg der Fälle zu bremsen und das Ruder herumzureißen.“