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Auf der Suche – ein paar philosophische Gedanken

07.04.2021 • 10:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne
Neue Kopfkino Salmhofer Kolumne

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne
in der Neue am Sonntag

Es ist doch so, dass wir irgendwie immer auf der Suche sind. Irgendwas fehlt uns immer. Meine Schwester sucht gerade ein Haus, mein Vater jährlich das beste Auto für seine Campingtouren, meine Mutter sucht nach neuen Ideen für malerische Gestaltungsmöglichkeiten, meine Kinder nach Wegen, mit dem geringsten Aufwand die Schule zu meistern, und ich suche andauernd nach meinem Schlüssel oder der Brille oder beidem. Ab und an wird die Suche auch tiefsinniger und schweift von den materiellen Bedürfnissen oder menschlicher Vergesslichkeit ab. Vor allem dann, wenn es um die Lebens-Sinnsuche geht. Was tun wir hier? Wieso tun wir es? Und wohin gehen wir mit dem, was wir hier so machen?

Als ich noch unmerklich jünger war, bin ich davon ausgegangen, dass ich diesen Sinn schon irgendwann im Laufe der Zeit finden werde. Inzwischen, ein paar Lebenserfahrungsjährchen reicher, weiß ich, dass diese Suche nicht mit jener nach einer Brille oder einem Auto gleichzusetzen ist. Verschreckt in der Wohnung auf und ab rennen, im Zwei-Minuten-Takt ein: „Das gibt’s ja nicht, der muss irgendwo sein, der kann nicht einfach verschwinden!“ seufzend bis lautstark auszurufen und dabei jedes Polster umzudrehen, hilft nicht bei der Sinnsuche. Auf Ländleanzeiger, Shpock, oder Willhaben wird man ihn ebenso nicht finden, genauso wenig wie im Second-Hand Shop.

Der Sinn des Lebens versteckt sich nicht an einem Ort oder ist für wenig Geld zu haben. Ich denke, er befindet sich immer an der gleichen Stelle, unser Leben lang, kostenlos. Vielleicht ist er ein himmelblaues Veilchen in der Nähe unseres pochenden Herzens. Und es wächst und gedeiht mit jedem Atemzug, den wir tun. Mit jedem Lachen und Weinen, das aus uns heraussprudelt; mit jeder Umarmung und jeder Ablehnung, die wir in unserem Leben erfahren; mit jeder Erfahrung, die wir machen und jedem Erinnerungsbild, das sich in unser Gedächtnis einprägt, wird es größer und schöner. Es umwickelt unser Inneres mit duftigem Leben. Erst wenn wir aufhören, zu suchen, und ein bisschen still sind, dann finden wir dieses Veilchen. Der Sinn, und davon bin ich ganz fest überzeugt, ist jedes einzelne Leben von uns. Egal, ob wir die Relativitätstheorie entwickeln oder Socken stricken, wir sind alle miteinander der Sinn. Aufgrund dieser Erkenntnis freue ich mich, etwas weniger in meinem Leben suchen zu müssen und es bleibt auch mehr Energie für die Oster­eiersuche am Wochenende. Nicht, dass ich wieder ein buntes Ei vier Monate später in der Wohnung finde, und zwar nur deshalb, weil der „Duft“ mich gelotst hat. Frohe Ostern!

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.