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„Virusvariante könnte Oberhand gewinnen“

14.01.2021 • 10:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Mutationsforscher Andreas Bergthaler
Mutationsforscher Andreas Bergthaler Cemm

Mutationsforscher Bergthaler erklärt, warum es mehr Disziplin braucht.

Nach neuen Funden der britischen Virus-Mutante in Österreich: Wie weit verbreitet ist diese wohl schon wirklich in Österreich, Herr Bergthaler?
ANDREAS BERGTHALER:
Was jedenfalls alarmierend ist: In Nachbarländern wie der Slowakei sind die Infektionszahlen sehr hoch, laut Berichten soll dort in manchen Regionen schon jeder zweite Fall auf die neue Virusvariante zurückzuführen sein. So hoch ist die Rate in Österreich noch nicht. Jene Fälle, die wir nun in Österreich gefunden haben, deuten darauf hin, dass die britische Variante noch eher in Clustern auftaucht. Um ein besseres Bild zu bekommen, müssen wir nun über spezielle PCR-Tests, die diese Variante erkennen, und auch breiter angelegt in den Laboren danach suchen.

In Deutschland wird bereits ein Lockdown bis Ostern diskutiert: Warum braucht es gegen diese Mutation so drastische Maßnahmen?
BERGTHALER: Laut den Daten der britischen Kollegen ist die neue Variante um 50 bis 70 Prozent infektiöser. Es gibt Hochrechnungen, die davon ausgehen, dass die neue Virusvariante acht Mal mehr Infektionen innerhalb eines Monats auslöst als die bisher zirkulierenden Coronaviren. Oder wenn wir uns die sogenannte Reproduktionszahl – die Zahl an Menschen, die ein Infizierter ansteckt – anschauen: Bis dato ist das Ziel, diese Zahl unter 1,0 zu senken. Bei der neuen Variante müsste sie aber auf 0,7 oder 0,6 gedrückt werden, um die Virusausbreitung einzudämmen. Wir können uns eine 50 Prozent höhere Infektiosität auch so vorstellen: Kommt ein Infizierter in einen Raum mit 20 Menschen, hat er bisher zwei Leute angesteckt. Bei der neuen Virusvariante würde er drei Menschen anstecken – und bei jedem weiteren Infektionszyklus stecken sich ebenso 50 Prozent mehr Menschen an.

Andreas Bergthaler, Virologe und Mutationsforscher
Andreas Bergthaler, Virologe und MutationsforscherAPA

Braucht es also neue Maßnahmen zur Pandemiekontrolle?
BERGTHALER: Wir müssen nichts neu erfinden: Dieselben Maßnahmen wie Abstand halten, auf Hygiene achten, Masken tragen funktionieren auch gegen die neue Variante. Wir müssen uns nun aber noch konsequenter daran halten.

Muss der Lockdown in Österreich verlängert werden?
BERGTHALER: Diese Frage muss die Politik beantworten, aber ich denke, es spricht für sich, dass es in Österreich trotz bestehendem Lockdown nicht gelingt, die Infektionszahlen unter Kontrolle zu bekommen. Wir wissen aus anderen Ländern: Sobald sich die mutierte Variante lokal ausbreitet und nicht mehr nur durch Reisetätigkeit eingeschleppt wird, können wir sie lokal kaum noch kontrollieren. Es ist gut möglich, dass die Virusvariante auch in Österreich rasch die Oberhand gewinnt. Wir müssen die Infektionszahlen jetzt massiv nach unten drücken – und uns darauf einstellen, dass uns in Zukunft ähnliche mutierte Varianten begegnen könnten – das ist ein Warnschuss.

Könnten die konstant hohen Zahlen daran liegen, dass sich die Virus-Mutante schon in Österreich ausbreitet?
BERGTHALER: Das ist fraglich – wir sollten nicht alles der neuen Variante in die Schuhe schieben. Wir sehen, dass es in diesem Lockdown viel weniger Disziplin in der Einhaltung der Maßnahmen gibt, das zeigen auch die Bewegungsmuster in der Bevölkerung – eine gewisse Müdigkeit hat sich eingeschlichen.

Könnte es sein, dass die neue Variante zwar ansteckender ist, aber Infizierte weniger schwer erkranken?
BERGTHALER: Bisher sehen wir keine Hinweise, dass die Erkrankung durch die neue Variante leichter oder schwerer verläuft. Wir verstehen insgesamt noch immer nicht sehr gut, warum manche Menschen schwer an Covid-19 erkranken und andere nur milde Symptome entwickeln.