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Was diese Mutation von anderen unterscheidet

21.12.2020 • 16:29 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Coronavirus: Was diese Mutation von anderen unterscheidet
Coronavirus: Was diese Mutation von anderen unterscheidet CeMM

Virologe Andres Bergthaler über die neue Variante des Coronavirus.

Flüge aus England werden gestrichen, ein Lockdown in London verhängt: Wie sehr beunruhigt Sie als Wissenschaftler diese neu aufgetretene Mutation?

Andreas Bergthaler: Prinzipiell sammelt das Coronavirus ständig Mutationen, im Durchschnitt sind es etwa zwei pro Monat. Jetzt haben wir es mit einer Virusvariante zu tun, die insgesamt 17 Mutationen enthält. Was diese neu aufgetretene Variante nun besonders macht, ist erstens die große Zahl an Mutationen, die sich innerhalb eines Virus angesammelt haben. Zweitens wissen wir von einigen dieser gesammelten Mutationen bereits, dass sie das Coronavirus infektiöser machen – das wurde bereits in Laborversuchen gezeigt. Was aber noch fraglich ist: Breitet sich diese Virusvariante tatsächlich schneller aus? Dafür gibt es noch keine wissenschaftlichen Beweise – es könnte auch reiner Zufall sein, dass sich genau diese Variante seit September in Großbritannien verbreitet hat, zum Beispiel aufgrund eines Superspreading-Events.

Während die Politik drastische Maßnahmen setzt, sind Forscher viel vorsichtiger mit der Einschätzung dieser Virus-Variante – wie lässt sich das erklären?

Das ist tatsächlich eine Diskrepanz. Wir können uns als Wissenschaftler nur möglichst gut aufstellen, um solche Veränderungen frühzeitig zu erkennen und zu interpretieren. Tatsache ist, dass wir immer hinterherhinken werden, eine Antwort auf die Frage zu geben: Was bedeutet die Mutation für die Erkrankung, das Infektionsgeschehen? Auf der anderen Seite muss die Politik Entscheidungen treffen.

SARS-CoV-2 hält die Welt weiter im pandemischen Griff und scheint sehr erfolgreich darin zu sein, sich von Mensch zu Mensch zu übertragen: Warum sind Mutationen überhaupt notwendig?

Eine solche Sicht würde unterstellen, dass das Virus proaktiv handelt – das tut es aber nicht. Mutationen entstehen zufällig, es sind Kopierfehler, die völlig ungerichtet auftreten. Danach folgt der Selektionsprozess: Eine Virusvariante setzt sich durch, das kann vom Mensch, von der Behandlung, von einer Impfung abhängen. Der Prototyp eines erfolgreichen Virus wäre, gleichzeitig möglichst infektiös zu sein und dabei bei seinem Wirt möglichst wenig bis gar keinen Schaden zu verursachen – so kann es sicherstellen, dass es unbehelligt weiter existieren kann.

Was genau bewirkt diese Ansammlung von Mutationen nun?

Von einer dieser Mutationen wissen wir aus Laboruntersuchungen, dass sie dazu führt, dass das Virus über das Spike-Protein besser in unsere Zellen eindringen kann – in der Folge ist diese Virusvariante infektiöser. Ob das beim Menschen aber genauso ist, wissen wir nicht – es wurde nur im Labor gezeigt. Nun haben wir 17 solcher Mutationen vorliegen – wir müssen jede einzelne auf ihre Auswirkungen untersuchen, das kann Monate dauern.

Es wurde behauptet, die Virusvariante sei um 70 Prozent ansteckender – ist das bereits belegt?

Ich habe die Daten, auf denen diese Aussage beruht, leider nicht finden können. Auch aus Aussagen von britischen Experten schließe ich, dass diese Zahl wohl auf epidemiologische Modellierung basiert, aber keine weitere wissenschaftliche Beweislage hat.

Zur Person

Andreas Bergthaler, Virologe, leitet die Forschungsgruppe Virale Pathogenese am Institut für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften (CeMM) sowie das Projekt Mutationsdynamik von SARS-CoV-2 in Österreich.

Ist es überhaupt möglich, so wie es Europa nun versucht, die Virus-Variante auf der britischen Insel einzusperren?

Die Virusvariante wurde ja schon in den Niederlanden und Italien entdeckt, Christian Drosten geht davon aus, dass es auch in Deutschland schon angekommen ist. Hier in Österreich haben wir insgesamt 1400 Coronavirus-Proben genetisch sequenziert, 150 davon seit September. Darin haben wir keine Hinweise auf diese Virusvariante gefunden – aber wir können natürlich nicht bei jedem positiven Fall das Virusgenom sequenzieren. Es würde mich deshalb nicht überraschen, wenn die Variante schon in Österreich ist. Was wir versuchen können: Die Ausbreitung möglichst zu verlangsamen. Wobei auch wichtig ist zu bedenken: Bisher gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass die neue Variante zu einer schwereren Erkrankung führt. Andererseits: Wenn sich mehr Menschen anstecken, kommt es auch zu mehr schweren Verläufen.

Nun trägt diese Variante auch Mutationen am Spike-Protein – alle bisherigen Impfstoffkandidaten zielen auf dieses Protein ab. Könnten Impfstoffe unwirksam werden?

Wir haben schon tausende Mutationen im Spike-Protein gesehen, das ist per se nichts Furchteinflößendes. Die zentrale Frage ist: Wie beeinflussen Mutationen die Immunantwort? Hier kennen wir eine andere interessante Mutation, die schon in Nerzen in Dänemark gefunden wurde: Es gibt einige wissenschaftliche Untersuchung, die darauf hinweisen, dass durch diese Mutation das Virus von Antikörpern nicht mehr so gut erkannt wird. Nun ist es aber so, dass eine Impfung immer viele verschiedene Antikörper auslöst: Sollten nun Antikörper auf diesen einen Baustein des Virus nicht mehr so gut reagieren, gibt es noch genug andere, die wirken. Ich denke, es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Mutation eine Impfung völlig unwirksam macht – aber selbst wenn eine solche Mutation auftritt, haben wir durch die modernen RNA-Impfstoffe einen großen Vorteil: Wir könnten die RNA-Sequenz rasch verändern, das ist deutlich einfacher als bei älteren Impfstoffformen.

Dass ein Virus so schnell so viele Mutationen sammelt, ist beunruhigend: Sehen wir Virus-Evolution im Zeitraffer?

Das ist tatsächlich eine zentrale Frage: Wie kann es dazukommen, dass ein Virus so viele Mutationen gleichzeitig sammelt? Eine Spekulation – und das ist reine Spekulation – ist: Es könnte sein, dass das Virus über lange Zeit in einem Patienten war, der aufgrund einer Immunsuppression das Virus nicht losgeworden ist.

Ein Patient X als Teilchenbeschleuniger für Mutationen?

Ja, so könnte man das sagen. Das Virus hätte in diesem Patienten lange Zeit repliziert und dabei viele Mutationen gesammelt und hätte dann weiterübertragen worden sein können. Britische Forscher spekulieren in diese Richtung, und es gibt nun auch schon die Empfehlung der europäischen Seuchenschutzbehörde ECDC alle Patienten mit möglicher SARS-CoV-2-Reinfektion genau auf ihre Virusmutationen zu untersuchen.

Könnten sich Menschen, die bereits eine Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, mit dieser neuen Mutation anstecken?

Dazu traue ich mir keine Aussage zu, wir wissen einfach noch zu wenig. Generell gibt es weltweit nur einige wenige Beispiele für Reinfektionen, das ist bis jetzt ein verschwindend geringer Prozentsatz, der für den bisherigen Pandemieverlauf keine große Rolle spielt.

Die große Angst ist natürlich: Wird das Virus durch die Mutationen tödlicher und führt zu schwereren Erkrankungen.

Dafür gibt es wie gesagt keine Hinweise. Und wir müssen auch insofern relativieren, dass wir schon tausende Mutationen gefunden haben. Das Außergewöhnliche nun ist die große Anzahl in einer einzigen Virusvariante.

Immer mehr Menschen sind immun, bald gibt es eine Impfung: Müssen wir in Zukunft mit mehr Mutationen rechnen?

Das wissen wir noch nicht. Was jetzt wichtig ist: Wir müssen uns so aufstellen, dass wir Virusveränderungen engmaschig beobachten können und gegebenenfalls reagieren können. Ob sich das Virus stärker verändern wird, weil die Impfung zu greifen beginnt, kann man heute nicht sagen. Welche Rolle immunsupprimierte Patienten spielen, könnte noch eine wichtige Frage werden.