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„Der kurzfristige Erfolg ist immer notwendig“

15.11.2020 • 12:53 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ralph Hasenhüttl gibt die Richtung vor
Ralph Hasenhüttl gibt die Richtung vor (c) AFP (GARETH COPLEY)

Hasenhüttl formte Southampton zum Spitzenteam in der Premier League.

Sie waren bei Unterhaching, Ingolstadt, Leipzig, Southampton – alles Klubs mit roten Farben im Wappen. Hat da bei der Vereinswahl Ihre GAK-Prägung durchgeschlagen?

RALPH HASENHÜTTL: Von der Seite betrachtet könnte man das annehmen. Aber natürlich ist die Vereinsfarbe kein Entscheidungskriterium, nachdem ich als aktiver Spieler nahezu jede Farbe getragen habe. Meine erste richtig erfolgreiche Station als Trainer war Aalen und die Klubfarben dort sind schwarz-weiß (lacht). Außerdem hat man als Trainer selten die Wahl, sich den Verein auszusuchen.

Trainer und Wahl, da war doch was. Sie wurden im August zum „Premier-League-Trainer“ des Monats gewählt, waren im Oktober erneut nominiert. So gut war kein anderer Manager. Wie wichtig sind Ihnen persönliche Auszeichnungen?

Es freut mich natürlich, wenn die Fans mir ihre Stimme geben. Das zeigt mir, wie sehr wir sie begeistern konnten. Aber grundsätzlich brauche ich diese Auszeichnungen nicht unbedingt. Wenn ich meine Mannschaft guten Fußball spielen sehe, ist das die schönste Bestätigung für die geleistete Arbeit.

Was aktuell sehr gut funktioniert. In einer „Nach Lockdown“-Tabelle, mit allen Spielen seit dem Re-Start im Juni, liegt Southampton auf Rang zwei, nur einen Punkt hinter Tottenham. Was sagt dies über Eure Arbeit aus?

Es zeigt, dass wir unser Spiel verändert haben. Kurz nach dem Lockdown hatten wir den Klassenerhalt fixiert. Damit war der ganz große Druck weg, dazu waren keine Zuschauer mehr im Stadion. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, mehr Risiko zu nehmen, uns mehr auf das Spiel mit Ball zu konzentrieren. Früher wurden wir vornehmlich auf unser Pressing reduziert. Mittlerweile sind wir aber eine Mannschaft, die auch in Ballbesitz ganz tolle Entwicklungsschritte genommen hat. Wir sind nicht mehr so leicht zu kategorisieren und in allen Bereichen des Spiels besser geworden. Das war ausschlaggebend, dass wir so erfolgreich geworden sind.

So erfolgreich wie jetzt war Southampton schon lange nicht. Was sagt Ihnen der 10. September 1988?

Mittlerweile weiß ich, dass damals Southampton letztmals auf Rang eins war. Voriges Wochenende lagen wir auch voran, aber nur zwei Nächte. Für unsere Fans war das eine schöne Momentaufnahme. Ich bin aber nicht unglücklich darüber, dass wir wieder Vierter sind. Die Tabellenführung in der Länderspielpause wäre ein unnötiger Fokus auf uns, den wir nicht brauchen. Wir bekommen genug Lob für das, was wir im Moment leisten. Wenn man starke Teams, wie den damaligen Spitzenreiter Everton oder Aston Villa, besiegt, kommt das automatisch. Als Einordnung: Villa hat kurz davor Liverpool 7:2 vom Platz gefegt.

Steigern diese Erfolge – Southampton ist ja seit sieben Runden unbesiegt – die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit?

Keine Ahnung. Ich bin nicht viel in den sozialen Medien unterwegs. Und im Stadion gibt es auch keine Fans. Daher kann ich es nicht wirklich beurteilen. Was ich grundsätzlich weiß, ist, dass unsere Fans sehr realistisch denken. Sie wissen genau um unsere Möglichkeiten. Ein Top-Ten-Platz wäre ein top Ergebnis. Das ist für heuer unser Ziel. Das ist realistisch. Wobei ich nichts dagegen hätte, auch einmal ein unrealistisches Ziel zu erreichen.

Bleiben wir beim Thema Fans. Wegen Corona fehlt die Unterstützung im Stadion, ein klarer Nachteil. Andererseits können Ihre Spieler die volle Ladung an Hasenhüttl-Emotionen an der Linie an- und aufnehmen, oder?

Was momentan definitiv ein Vorteil ist. Erstens schone ich ein wenig meine Stimme. Und zweitens sind meine Kommandos wesentlich leichter vernehmbar. Ich kann von außen viel mehr Einfluss auf das Spiel nehmen. Die Abläufe sind leichter steuerbar. Das ist vielleicht auch ein Grund des momentanen Erfolgs.

Zur Person

Ralph Hasenhüttl, geboren am 9. August 1967 in Graz
Stationen als Trainer: Unterhaching (2007 – 2010), Aalen (2011 – 2013), Ingolstadt (2013 – 2016), Leipzig (2016 – 2018), Southampton (seit 2018, Vertrag bis 2024)
78 Spiele aktuell für Southampton, nur sechs Manager trainierten die Saints in den vergangenen 40 Jahren länger. Nummer eins: Nigel Adkins mit 124 Spielen.

Was uns in Österreich gefällt, ist das Interesse Southamptons an Spielern wie Martin Hinteregger oder Husein Balic. Können Sie uns mehr verraten?

Ich muss immer wieder schmunzeln, welche Spieler mit Southampton in Verbindung gebracht werden. Grundsätzlich kommentiere ich keine Namen. Wir haben einen guten, ausgewogenen Kader, konnten im Sommer gute Transfers tätigen. Unser Schwerpunkt liegt aktuell darauf, mit Spielern Verträge zu verlängern. Zu Hinteregger: Ich war mit Martin in Kontakt, wollte ihn einmal nach Leipzig holen, hatte ihn auch in Southampton auf dem Zettel. Aber letztendlich ist es dann nie dazu gekommen. Martin ist ein super Spieler und würde gut nach England in die Premier League passen.

Nutzen wir Corona für einen kurzen Schwenk weg vom Sport. Wie sehr beeinflusst Covid den Alltag?

Derzeit sind wir in einem kompletten Lockdown. Meine Frau hatte am Mittwoch Geburtstag und wir haben zu Hause gefeiert. Wir machen das Beste aus dieser verrückten Zeit. Wir hoffen alle, dass wieder mehr Normalität zurückkehrt. Im Klub werden wir ja weiterhin jede Woche getestet. Wir sind hier sehr konsequent in unseren Abläufen und bisher gut durch diese Phase gekommen.

Wie haben Sie den Terroranschlag in Wien mitbekommen?

Es war schockierend, diese Bilder zu sehen – ein absoluter Angriff auf all unsere Werte. Die Reaktionen der Regierung waren dementsprechend konsequent. Ich verfolge die Innenpolitik genau.

Wie sicherlich auch die Thematik rund um den Brexit. Wie präsent ist dies in England?

Durch Corona ist der Brexit nicht so im Fokus. Aber die Uhr tickt. Ich hoffe, dass es zu einem Deal kommt. Ich denke, Es ist immer gut, Partner zu haben und wenig hilfreich, wenn UK mit einem „No deal“ in den Brexit geht.

Wird ein Brexit auch Auswirkungen auf den Fußball haben?

Das ist durchaus möglich. Es kann sein, dass es mit Aufenthalts- oder Arbeitsgenehmigungen schwieriger wird. Das bedeutet, dass künftig vielleicht wieder der eigene englische Nachwuchs mehr forciert werden muss. Ich habe es selbst erlebt in der Zeit vor Österreichs EU-Beitritt. Ich stand als Spieler zwei Mal kurz vor einem Wechsel auf die Insel, hatte aber zu wenige Länderspiele und am Ende keine Arbeitserlaubnis bekommen. Mit dem Brexit im Hintergrund sind wir hier gut beraten, viel Wert auf unsere Akademie zu legen …

… die sie in Southampton ein wenig zu Ihrem Steckenpferd gemacht haben.

Richtig. Wir haben keinen „Big Spender“, der uns um viele Millionen Euro Spieler kauft. Wir haben eine gute Akademie, die nach unseren Vorgaben trainiert, mit den gleichen Automatismen wie die erste Mannschaft. So kommen die Jungs oben schneller in die Spur. Zuletzt hat unsere U23 gegen Manchester City mit 5:2 gewonnen. Als sportlich Gesamtverantwortlichen gefällt mir das sehr.

Diesen langfristigen Weg gehen aber nicht viele Vereine, oder?

Im Fußball wird oft sehr kurzfristig gedacht. Klar ist: Der kurzfristige Erfolg ist immer notwendig. Denn nur der schafft die Argumente, um langfristige Pläne umsetzen zu können. Wenn die Philosophie umgesetzt werden soll, von der man überzeugt ist, dauert das aber ein paar Jahre. Das geht nicht von heute auf morgen, wie man an unserem Beispiel ganz gut sehen kann.

Ihr Vertrag bis 2024 sollte diese langfristige Arbeit in Südengland zulassen. Womit auch Zeit für Privates bleiben sollte. Gefühlt ist „Stonehenge“ dort die höchste Erhebung. Was macht jemand, der gerne in den Bergen wandert oder am Mountainbike unterwegs ist?

Im Sommer ist das Meer vor der Haustür ein guter Ersatz. Wir haben hier viel Wind und sind gerne auf dem Wasser. Wenn es Winter wird, fehlen mir schon die Berge. Hinzu kommt, dass wir aktuell in der Länderspielpause keine Möglichkeit haben, nach Österreich zu kommen. Das ist nicht schön, aber zu akzeptieren. Die Berge laufen nicht davon, die sind ja noch länger da. Ich habe in meinem Leben gelernt, auf Dinge zu verzichten. Das fällt mir nicht schwer. Meine Frau und ich fühlen uns hier in Südengland pudelwohl. Wir haben vor, noch länger zu bleiben.