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Entscheidet Blutgruppe über Erkrankung?

15.10.2020 • 10:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Entscheidet die Blutgruppe über das Erkrankungsrisiko?
Entscheidet die Blutgruppe über das Erkrankungsrisiko? Juergen Fuchs

Graz: Menschen mit Blutgruppe 0 erkranken seltener an Covid-19.

Warum erkranken manche Menschen schwer an Covid-19, warum stecken sich andere erst gar nicht an? An diesen offenen Fragen wird weltweit geforscht. Wie Studienergebnisse aus China und einigen europäischen Ländern zeigen, scheint hier die Blutgruppe eine Rolle zu spielen.

Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) sind ringförmige Zellen, die Sauerstoff und Kohlendioxid durch die Blutbahnen tragen. Die „Hülle“ der roten Blutkörperchen nennt sich Membran. In dieser Membran stecken viele unterschiedliche Kohlenhydrate und Eiweiße. Diese verleihen den roten Blutkörperchen eine bestimmte Oberflächenstruktur, sie werden auch Antigene genannt. Die „Blutgruppen-Kohlenhydrate“ A und B sind ebenfalls solche Antigene.

Für die ABO-Blutgruppe unterscheidet man die Eigenschaft A, B, AB und O (Null). Menschen mit der Blutgruppe „O“ haben keines dieser genannten Blutgruppenantigene auf der Oberfläche ihrer roten Blutkörperchen. Bei Menschen mit der Blutgruppe „AB“ sind beide Kohlenhydrate (A und B) in der Membran enthalten. Bei Blutgruppe „A“ ist nur das Antigen „A“ vorhanden, bei der Blutgruppe „B“ nur das Antigen „B“.

Blutkörperchen an Aufnahme von Krankheitserregern beteiligt

Es ist bekannt, dass diese Zucker-Strukturen auch bei der Erkennung von Mikroorganismen eine Rolle spielen. „Pathogene, wie Bakterien oder Viren, können dabei selektiv an Blutgruppenstrukturen binden und die Besiedelung des betroffenen Gewebes, oder die Aufnahme in die Zellen beeinflussen“, erklärt Studienleitern Eva Maria Matzhold, Molekularbiologin an der Universitätsklinik für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin der Med Uni Graz.

„In unserer Studie untersuchen wir, ob die ABO Blutgruppeneigenschaften einen möglichen weiteren Risikofaktor für die Infektion und die Erkrankung an COVID-19 darstellen können“, ergänzt Transfusionsmediziner Thomas Wagner. In den ersten vorgestellten Forschungsergebnissen konnte bereits gezeigt werden, dass ein Zusammenhang zwischen der Blutgruppe und einer Infektion mit SARS-CoV-2 nachweisbar ist. Damit können frühe Hinweise einer Studie aus China und einer Assoziationsstudie (Europäische GWAS COVID-19 Forschungsgruppe) bestätigt werden.

Die Studie: Hintergrund

Die Studie an der Med Uni Graz ist als retrospektive Fall-Kontroll-Studie mit insgesamt 399 SARS-CoV-2 positiv getesteten Patientinnen und Patienten aufgebaut, die infolge einer COVID-19 Erkrankung in stationärer Behandlung waren.

„Als Vergleichskontrolle für die ‚normale‘ Blutgruppenverteilung in der Steiermark dienen die VollblutspenderInnen (n=250.298) des Blutspendedienstes (ÖRK Landesverband Steiermark)“, beschreibt Thomas Wagner den Aufbau der Studie.

Gemeinsam mit einem interdisziplinären Team innerhalb der Med Uni Graz/KAGes und finanziell gefördert durch die Stadt Graz sowie die Österreichische Gesellschaft für Blutgruppenserologie und Transfusionsmedizin (ÖGBT) umgesetzt.

Blutgruppe O mit niedrigerem Erkrankungsrisiko

„Unsere Studienergebnisse zeigen, dass Menschen mit der Blutgruppe O eine statistisch signifikant geringere Wahrscheinlichkeit haben, an COVID-19 zu erkranken, als Menschen mit anderen Phänotypen“, berichten die Forscher. Die Blutgruppe AB hingegen wurde bei Infizierten und an COVID-19 erkrankten Menschen signifikant häufiger festgestellt.

Der Schweregrad der COVID-19 Erkrankung bleibt allerdings von der Blutgruppe unbeeinflusst. Das bedeutet, dass die Erkrankung bei Menschen mit Blutgruppe O nicht leichter verläuft als bei Menschen mit Blutgruppe AB. Eine Blutgruppenbestimmung sollte aktuell also nicht als prognostischer Marker für den Verlauf von COVID-19 herangezogen werden.

Eva Maria Matzhold und Thomas Wagner
Eva Maria Matzhold und Thomas Wagner, Med Uni GrazSonstiges

Was steckt dahinter?

„Es gilt nun, den Mechanismus, der hierbei eine Rolle spielt, genau zu erforschen“. Auch andere Blutgruppensysteme werden in die Untersuchungen mit einbezogen“, blicken Eva Maria Matzhold und Thomas Wagner in die Zukunft.

Auf Nachfrage der Kleinen Zeitung erklärt Matzhold, dass es bereits Hypothesen dazu gibt, wie Blutgruppe und Infektionsrisiko zusammenhängen könnten: „Abhängig von der eigenen Blutgruppe, habe ich im Serum auch spezielle Antikörper – und zwar gegen jene Merkmale, die nicht im eigenen Blut vorkommen.“ Das heißt: Habe ich Blutgruppe 0, dann habe ich Antikörper gegen A und B. Habe ich allerdings Blutgruppe AB, dann habe ich keine Antikörper. „Es könnte nun sein, dass diese Antikörper an ähnliche Zucker in der Virushülle binden und damit das Eindringen des Virus behindern könnten“, erklärt Matzhold.

Kein Freibrief

Die Forscherin unterstreicht aber auch: „Keinesfalls bedeuten unsere Forschungsergebnisse, dass Menschen mit Blutgruppe 0 nun sicher vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus sind!“ Es sei eine statistische Beobachtung, dass Menschen mit Blutgruppe 0 sich weniger oft anstecken – passiert jedoch eine Ansteckung, hat die Blutgruppe keinen Einfluss auf die Schwere der Erkrankung.