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„Werden nicht alle durchhalten“

20.07.2020 • 10:26 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Andreas Reiter, Zukunftsforscher und Tourismusexperte
Andreas Reiter, Zukunftsforscher und Tourismusexperte Verkehrsbüro Group/APA-Fotoservice

Zukunftsforscher über den Tourismus im ersten Covid-19 Sommer.

Für den Tourismus sind Sie ein oft konsultierter Zukunftsforscher. Die Branche erlebt schwere Zeiten. Sind Sie jetzt gefragter als zuvor?
Andreas Reiter: Das würde ich so nicht sagen. Aber es geht um andere Themen. Was jetzt Corona ist, war vor 10 Jahren das Thema Klimawandel in den Bergen und was man macht, wenn ein Winter ohne Schnee kommt. Das hatte zwar nicht diese Dramatik, aber es gibt immer wieder Kernthemen, wo man sich neu sortieren muss.

Die Reisefreiheit wurde herbeigesehnt. Jetzt gibt es sie – aber in Beherbergungsbetrieben im In- und Ausland bleiben viele Zimmer leer. Warum verreisen wir nicht?
Es gibt top ausgelastete Destinationen. Aber für viele Betriebe gilt das nicht oder sie haben nicht aufgemacht, weil es sich nicht rechnet. Das ist ähnlich wie im Handel. Man hat geglaubt, die Zurückhaltung im Konsum- und Freizeitbereich liegt an den Masken. Das ist nicht so. Ich führe es auf den Sicherheitsaspekt und auf unterschwellige Sorgen finanzieller Art zurück. Wir haben die größte Rezession seit den 1920er Jahren. Sie wird derzeit noch abgefedert, aber die Leute kriegen es mit. Die Pleiten stehen erst bevor. Jeder zweite Wiener Stadthotelier sagt, wenn es so weitergeht, schaffen wir es nicht über das vierte Quartal. Diese Bedrohungslage drückt aufs Gemüt.

Zur Person

Andreas Reiter wurde in Innsbruck geboren.
Studium: Soziologie und Übersetzer.
1996 Gründung des ZTB Zukunftsbüros in Wien.
Berater in strategischen Zukunftsfragen von Unternehmen, Kommunen und Destinationen.
Lehrbeauftragter und Key-Note-Speaker.

Verdirbt uns Corona die Lust auf den Urlaub?
„Ich habe gar nicht wirklich Lust auf Urlaub heuer.“ So höre ich das in meinem Umfeld. Nicht, weil es nicht möglich wäre. Man will Veränderung – in Form von Kurztrips in die Berge, an den See. Aber um richtig Urlaub zu machen, sind viele zu bedrückt. Das gilt nicht für alle, aber es ist eine Grundstimmung.

Laut Umfragen wollen zwei Drittel der österreichischen Bevölkerung Urlaub machen.
Die Frage ist, was zwischen Wollen und Tun passiert. Von den zwei Drittel sind viele Leute unschlüssig. Hinzu kommt, dass ständig Destinationen als Covid-19-Hotspot aufpoppen, so entsteht völlige Unsicherheit und Unberechenbarkeit. Kunden verlangen dafür flexible und kostenlos stornierbare Reisepakete. Interessanterweise kommt es zu einem Comeback der Reisebüros, wo man als Kunde rechtlich besser abgesichert ist und sich nicht mit der Airline herumschlagen muss.

Was wird vom Sommer bleiben?
Es ist insgesamt keine Situation, in der man das große Urlaubsglück erwartet, sondern sich reduziert und sparsam in der Natur bewegt. Ich nenne das einen Sommer der Reduktion und der Sorglosigkeit. Für heuer reicht das schon, aber es wird nicht immer reichen.

Wie können sich Tourismusbetriebe auf die Lage einstellen?
Ich glaube, die Ambitionierten sehen diesen Sommer als Trainingslager. Der österreichische Hardcore-Tourismus, wo in Tirol und in Salzburg Geld gemacht wird, ist im Winter. Man weiß zwar nicht, wie der Winter wird, aber in einem Sommer mit wenigen Leuten kann man Abläufe trainieren. Das hat einen Mehrwert für die Betriebe: Wie gehe ich mit der Situation um, wie mache ich das mit den Testungen? Mir ist klar, jemandem, der mit dem Rücken zur Wand steht und nicht weiß, wie er seine Leute bezahlen soll, hilft das wenig.

Wie wird die Pandemie den Tourismus in den nächsten Jahren verändern?
Entscheidend ist, ob und wann es einen Impfstoff geben wird. Ist der Impfstoff da, kommt der Tourismus so zurück, wie er vorher war – trotz aller schönen Reden über Nachhaltigkeit. Haben wir bis Sommer 2021 keinen Impfstoff, wird man Formen der Koexistenz mit dem Virus finden müssen, die nicht diesen wirtschaftlichen Schaden anrichten. Noch ein flächendeckender Lockdown geht nicht, man muss punktuelle Maßnahmen setzen. Ein Tourismusbetrieb, der noch einmal mehrere Monate schließen muss, ist tot.

Schon mit der Impfung kommt die Urlaubsfreude zurück?
Ja. Ohne Impfung wird sich die Menschheit adaptieren müssen. Kein Land kommt langfristig mit diesen wirtschaftlichen Unwägbarkeiten zurecht.

Aber es stehen schon jetzt einige Unternehmen mit dem Rücken zur Wand – Städtehotels, Busunternehmen etwa. Gibt es für die nichts als Durchhalteparolen?
Es ist klar, dass nicht alle durchhalten werden können. Es wird eine große Bereinigung geben, man rechnet im Schnitt mit 20 bis 30 Prozent. Da werden viele dabei sein, die schon vor der Pandemie nicht mehr konkurrenzfähig waren. Das Problem vieler touristischer Betriebe ist die nicht vorhandene Liquidität. Oder sie hängen im Würgegriff der Banken.

Die Plattform Airbnb war das Schreckgespenst der Stadttouristiker. Ist das vorbei?
In Großstädten wie Berlin ist zu beobachten, dass institutionelle Airbnb-Vermieter die Wohnungen wieder dem Mietmarkt zurückgeben, da sie erkannt haben, dass das sicher ist. Städtetouristisch wird sich Airbnb 2021 sehr schwer tun, das Angebot wird schrumpfen. Ich glaube aber, dass Buchungsplattformen große Chancen auf dem Markt für Ferienwohnungen auf dem Land haben.

Dieser Markt funktioniert weiterhin gut. Warum?
Ferienwohnungen sind derzeit der große Renner in ganz Europa, weil sie Sicherheit generieren für die sogenannten „Best Ager“, die ja zur Risikogruppe gehören. Auch naturnaher Urlaub wie Camping und Caravaning ist sehr beliebt, da man relativ sicher und unabhängig ist. Nur Top-Hotels schaffen das derzeit auch mit ihrer Marke, Sicherheit und Hochwertigkeit zu vermitteln. Ansonsten herrschen in diesem Bereich aktuell große Berührungsängste.

Welche Rolle spielen okölogische Motive im Urlaub?
Das ist ein Wohlfühlthema, von dem man zuletzt wenig gehört hat, auch wenn es weiter da ist und man es angehen muss. Die EU hat den Green Deal, die ökologische Erneuerung im Fokus. Ob sie es schafft, ist eine andere Frage. Fakt ist, dass jetzt zwar wenig geflogen wird, aber der private Pkw so stark ist wie in den 1960er Jahren. Ich bin ein Verfechter vom Ausbau der Hochgeschwindigkeitszüge in Europa. Doch ist der Anteil der Bahnreisenden bei uns noch unter zehn Prozent. Da kann man in Umfragen immer sagen, dass Zugfahren gescheit ist. Zwischen dem Wollen und Tun liegen dann aber Welten.